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Vom Kopf auf die Füße

Das Thema Bürgerbeteiligung am Kulturhauptstadtbewerbungsprozess steht seit der ersten öffentlichen Diskussion zum Vorhaben Chemnitz 2025 im Raum. Mittlerweile geschehen schon eine ganze Menge toller Aktionen im Kontext der Bewerbung und der Beteiligung der Bürgerschaft. Doch wer keine Informationen aus erster Hand bekommt, weil er nicht in einem Gremium (Programmrat oder Lenkungsgruppe) involviert ist, für den erscheint vieles nicht offensichtlich, was gerade passiert. Das ist schade, denn vieles davon stellt ein echtes Novum in unserer Stadt dar – nicht zuletzt hart erkämpft durch Akteure der freien Kultur mit Unterstützung progressiver Strömungen innerhalb der Verwaltung.

In den kommenden Abschnitten betrachte ich die wichtigsten Organe der Kulturhauptstadtbewerbung hinsichtlich ihrer bisherigen Einbindung der Chemnitzer Bevölkerung und kommentiere Potenziale, Schwächen sowie Stärken.

Der Programmrat

Der Programmrat leistet die kreative Arbeit für die Bewerbung. Er entwickelt das Konzept für die Kulturhauptstadt und sammelt hierfür Ideen und Vorschläge. Bei der Programmarbeit wird er von internationalen Experten beraten. [1]

Im Programmrat sitzen 24 Personen, angefangen von Ferenc Csák, Leiter Kulturbetrieb, über Personen aus kulturellen Institutionen, welche eng mit der Stadt verbundenen sind (Musikschule, Theater) bis hin zu Samuel Harnisch, seines Zeichen Schüler am Johannes-Kepler-Gymnasium. Es sitzen aber auch elf Vertreterinnen und Vertreter der Bürgerschaft mit in diesem Gremium. Zum Großteil Kulturschaffende, welche nicht einem städtischen Organ zugehörig sind, aus den Reihen der Kunst, Vereinen sowie die offiziell berufenen Kulturbotschafter.  Daher können wir festhalten, fast die Hälfte der Mitglieder des Programmrates speisen sich aus der Bürgerschaft.

Diese heterogene Gruppe hat den Vorteil, dass nicht ein berufener Kurator oder Mitglieder eines hochdekorierten Kuratoriums sich um die Konzipierung der Bewerbung kümmern, sondern Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Bisher gelangen jedoch leider nur Informationen über die Arbeit des Programmrates auf wiederholtes Nachfragen im Kulturhauptstadtbüro an die Öffentlichkeit. Eine offene Kommunikation über Termine und aktuelle Themen, ohne dabei konkrete Ergebnisse zu verraten, wäre ein wichtiger Schritt.

[Bürgerschaft? Natürlich ist ein Professor der TU oder eine Ballettmeisterin auch Teil der Bürgerschaft. Aber sie sind in ihrer Rolle vom Land oder Stadt dafür beauftragt, sich hauptberuflich um Bildung und Kultur zu kümmern.]

Die Lenkungsgruppe

Bei den Bewerbungsvorbereitungen wird die Lenkungsgruppe die europäische Dimension der Bewerbung forcieren und zusammen mit dem künftigen Programmrat und beteiligten Akteuren aus allen gesellschaftlichen Bereichen der Stadt Lösungen entwickeln, die für andere Städte Europas beispielhaft sein können. [2]

Auch in diesem Gremium sind Personen der Bürgerschaft vertreten. Dazu zählen Mitglieder des Stadtrates, der Vorsitzende des Kulturbeirates sowie eine Vertreterin des Sports und, was auch sehr wichtig ist, eine Jugendliche ist ebenfalls Teil dieser Gruppe.

Für die Arbeit der Lenkungsgruppe gilt noch mehr als beim Programmrat: was dort drinnen passiert, ist Größtenteils unter Verschluss.

Der Freundeskreis 2025

Schon seit der ersten öffentlichen Diskussion 2016 im Stadtbad Chemnitz stand die Idee im Raum, dass es einen gemeinnützigen Freundeskreis geben sollte, welcher die Bewerbung zur Kulturhauptstadt unterstützt. Erste Aktivitäten dazu begannen zeitnah. Die erst parallel laufenden Bemühungen von Egmont Elschner und Nino Micklich mündeten schließlich in der Gründung eines Vereins, welcher sich seit Frühjahr 2017 im zweiwöchentlichen Rhythmus (!) trifft und über Ideen sowie Projekte debattiert, wie es gelingen kann, die Diskussion in die Bürgerschaft zu tragen und (alle) Bürger und Bürgerinnen für die Idee der Kulturhauptstadt zu gewinnen. Alle sind dazu eingeladen, sich zu beteiligen.

Erste Projekte des Vereins sind die Organisation des öffentlichen Picknicks “picnic2025” an verschiedenen Orten in der Stadt. Aber auch im Hintergrund ist der Verein aktiv und kämpft für eine stärkere Transparenz der Arbeit von Programmrat und Lenkungsgruppe. Außerdem nahmen Mitglieder an Veranstaltungen und Diskussionen in anderen europäischen Bewerberstädten teil und pflegen einen Kontakt zu Vereinen ehemaliger Kulturhauptstädte.

Größte Stärke des Freundeskreises ist die kontinuierliche Arbeit seit über einem Jahr. Ob alle Dinge, die diskutiert werden, der große Wurf sind, soll nicht zur Debatte stehen. Viel wichtiger ist erstmal, dass es eine Personengruppe von 15 bis 20 Menschen gibt, welche sich in ihrer Freizeit für die Kulturhauptstadtbewerbung engagieren und eigene Vorhaben zur Aktivierung der Bürgerschaft umsetzen.

Wie bereits erwähnt, wollen die Chemnitzer Kulturschaffenden mehr geben als nur Worte und Lippenbekenntnisse. Im Freundeskreis sammeln sich genau diese Akteure, die nicht einem offiziellen Gremium angehören und dieses Format sollte unbedingt eine feste Integration ins Organigramm finden. Ein wichtiges Instrument dabei wäre eine mit Handlungskompetenzen ausgestattete Schnittstelle zu schaffen, welche den Kontakt in diese Gruppe pflegt. Dass Mitglieder des Freundeskreisvorstandes auch im Programmrat sitzen, soll dabei nicht ausschließen, dass regelmäßig jemand aus dem Kulturhauptstadtbüro den Treffen des Freundeskreises beiwohnt.

Die Kulturbotschafter

Chemnitzer konnten sich im Frühjahr 2017 als Kulturbotschafter bewerben. Mit einer Berufung ging auch die Idee einher, dass die fünf ausgewählten Botschafter als direkte Vertreter der Bürgerschaft im Programmrat mitwirken. Die Resonanz auf den Aufruf war sehr groß, über 50 Personen haben sich beworben. Es konnten aber nur fünf schaffen, als offizielle Kulturbotschafter bestimmt zu werden. Doch den anderen Bewerbern wurde die Möglichkeit eröffnet, im Freundeskreis mitzuwirken oder unabhängig vom Programmrat oder des Vereins, sich für weitere Projekte und Maßnahmen im Zuge der Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas zu engagieren.

In dieser Idee liegt ein enormes Potenzial, welches aktuell ruht. Wir sollten es aber zeitnah aktivieren und die Kulturbotschafter als wirksame Chance sehen, nicht nur die Idee in die Bürgerschaft zu kommunizieren, sondern auch um Feedback, Wünsche, Anregungen und Ängste aus der Bevölkerung in die Gremien Programmrat und Lenkungsgruppe zu tragen.

Mit der Bewerbung als Botschafterin bzw. Botschafter ging ein konkretes Bekenntnis zur Kulturhauptstadtbewerbung einher und dieses muss sich entfalten können. Es gilt, die dafür erforderlichen Ressourcen bereitzustellen und zu fördern.

Die Mikroprojekte

Unter dem Titel “Stadt Kultur Europa” kann sich jeder Bürger bzw. jede Bürgerin, egal ob privat oder im Verein engagiert, mit seiner/ihrer Projektidee für ein Mikroprojekt bewerben.

Im Fokus der Projekte soll die Verbindung zwischen Kunst, Kultur und Lebensraum stehen. Die breite Stadtgesellschaft ist dabei angesprochen, neue Formen der Kommunikation und des gesellschaftlichen Miteinanders entstehen zu lassen. Die Projekte sollen einen Beitrag zur kulturellen Vielfalt der Stadt Chemnitz leisten und das gegenseitige Verständnis fördern. [3]

In Chemnitz gilt eigentlich immer, dass es eine Deadline für Projektanträge gibt. Nicht so hier, es können Anträge für Mikroprojekte sowohl im Frühjahr als auch im Herbst eines Jahres eingereicht werden. Ein toller Schritt, um ein gewisses Maß an Spontanität zuzulassen!

Mit bis zu 2500 Euro fördert die Stadt ein Projekt. Die Hürde für einen Antrag ist dabei sehr niedrig gehalten. Projektskizze formulieren, eine kleine Kostenkalkulation aufstellen und ab damit. Eine Jury wählt dann aus den Einreichungen aus. In der ersten Runde wurden Konzertveranstaltungen, Theatergastspiele, aber auch eine Bürgerkonferenz oder Gespräche mit Chemnitzer Künstler und Künstlerinnen gefördert.

Die nächsten Schritte

Der Überblick zeigt, dass es eine Menge Themen gibt, an denen Bürger und Bürgerinnen am Prozess der Bewerbung teilhaben und sich engagieren können. Es gilt die Potenziale, und da gibt es noch viele weitere Aspekte, in den kommenden Wochen zu aktivieren und zu fördern.

Wir sind uns alle bewusst, Kulturhauptstadt geht nur gemeinsam und das sollte in entsprechenden Handlungen resultieren. Stellen wir Bürgerbeteiligung vom Kopf auf die Füße.

Dieser Artikel soll nicht ohne konkrete Forderungen enden:

  • Mehr Transparenz wagen: offener über die Arbeit der Gremien berichten.
  • Eine mit Handlungskompetenzen ausgestattete Schnittstelle zum Verein etablieren.
  • Die Arbeit und Koordination der Kulturbotschafter professionalisieren.
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