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Kunst / Technik / Leben – und das Wagnis, sie vereinen zu wollen

Ein Essay von Dominik Intelmann

„Chemnitz, Stadt der Moderne“ ist mehr als ein Marketing-Slogan, es ist eine Perspektive, wenn nicht sogar eine Haltung. Die Ausstellung „Moderne 2.0“ auf dem RAW-Festival 2016 griff den Impuls der Moderne auf, jener Epoche am Anfang des letzten Jahrhunderts, welche die Symbiose zwischen Kunst, Technologie und Wissenschaft als ganzheitliche Quelle für die Gestaltung der Zukunft verstand. Der Gestalter Prof. Clauss Dietel formulierte schon im Jahre 2000, dass Künftiges in unserer Stadt ein Vorfühlen und Vordenken zwischen Kultur und Wirtschaft erfordert. Weiterhin verwies er auf neurophysiologische Erkenntnisse, nach denen innovative und kreative Prozesse aus dem dualen Wirkungsprinzip des menschlichen Hirns, rational und emotional vernetzt arbeitend, erwachsen.

Dominik Intelmann verfasste für den Katalog der Ausstellung einen Aufsatz zum Thema Kunst, Leben und Technik. Dieser wird nun auf diesem Blog zum ersten Mal im Internet veröffentlicht.

Sechs Überlegungen zum Verhältnis 
von Kunst, Technik und Leben – und dem Wagnis, sie vereinen zu wollen

Einleitung

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen war der Entwurf des Workshops „Moderne 2.0 – ein interdisziplinärer Experimentalraum für Künstler und Ingenieure“, der im Rahmen des Chemnitzer „RAW – Festival der Industriekultur“ auf verschiedenen Ebenen Herausforderungen thematisiert: Wie können Künstler und Ingenieure¹ im Sinne der Moderne eine Symbiose eingehen? Ist die damit verbundene Vision der historischen Avantgarde noch aktuell? Und ließen sich damit die partiellen Defizite der Chemnitzer Stadtgesellschaft angehen bzw. lösen?

Die dazu verfassten Überlegungen sind als nicht nur subjektive Resultate jenes Diskussions-prozesses zu betrachten, der sich auf die Auseinandersetzungen der jüngsten Vergangenheit bezieht. In den Fokus genommen wird die Stadtpolitik der letzten zehn Jahre: ihre große Agenda (Chemnitz als Stadt der Moderne, Morgenstadt und Europäische Kulturhauptstadt), ebenso wie jene Mikropolitiken, an denen die Agenda ihren Prüfstein findet. In diesem Sinne wird der städtischen Umgangsweise mit experimentellen und entgrenzten Formen einer urbanen Alltagspraxis Aufmerksamkeit geschenkt: der Umgangsweise mit dem Club Atomino, dem Kulturfestival Begehungen (aber auch anderen Festivals wie Fuego a la isla, Kosmonaut oder Küchwaldrauschen), mit den Wohn- und Kulturprojekten Experimentelles Karree und Kompott, genauso wie dem lokalen Aufstieg der kreativen Klasse zu einem beachteten Wirtschaftsfaktor.

Veränderungen sind eingetreten, die vor wenigen Jahren noch von den Kritikern der Chemnitzer Stadtentwicklung erhofft und eingefordert wurden. Ein besonders tiefes Problembewusstsein hatten dabei Jens Kassner (z.B. im Vortrag Stadt der Moderne. Anspruch und Realität von 2009) und Clauss Dietel (In Texte von 2004) bewiesen, die in Texten und Vorträgen die spezifischen Blockaden der Stadt Chemnitz erfassten.

Daher sollen die Thesen gleichermaßen eine Aktualisierung dieses Problembewusstsein darstellen: Was hat sich in den letzten Jahren auf der Ebene kultureller Modernisierung und ihrer Ankoppelung an den technischen Fortschritt getan? Wie sind diese Veränderungen vor dem Hintergrund einstiger Forderungen zu bewerten? Und welche Folgen hat diese Bilanz für die zukünftigen Forderungen, Wünsche und Chemnitzer Stadtutopien?

Während der folgende Text sich letzteren Fragen theoretisch widmen wird, erprobt sich der Workshop in einer experimentellen Praxis. Beides kann dabei nicht unmittelbar aufeinander bezogen sein: Während die Praxis nicht vorwegnehmbare Resultate hervorbringt, sollte die Theorie auch autonom gegenüber der Empirie sein, in der nicht alles möglich sein wird. Text und Workshop zusammen können im besten Fall eine gelungene Konstellation zueinander einnehmen.

Es ist in jedem Falle dankenswert hervorzuheben, dass die Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH (CWE) und die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen dieses Experiment in Theorie und Praxis gefördert und damit erst ermöglicht haben.

¹Personenbezeichnungen umfassen im Folgenden stets alle Formen des Geschlechts, sie werden jedoch nur in Ausnahmefällen, bei Bezug auf konkrete Personen, gesondert gekennzeichnet.

1. Die Verbindung zwischen künstlerischer und technologischer Avantgarde hat(te) ihren Zeitkern

Im frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich eine vielgestaltige künstlerische Avantgarde, die sich von vorhergehenden Stilrichtungen darin unterschied, dass sie sich weder im Inhalt noch in ihrer Funktion einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung unterordnete. Diese Autonomie der Kunst währte jedoch nur kurz und war ein prekäres Produkt einer bestimmten gesellschaftlichen Konstellation.

Wie der Kunstwissenschaftler Peter Bürger ausführt, überlagerte sich dabei das historische, bürgerliche Ideal befreiten Daseins mit den Möglichkeiten der entfesselten, industrialisierten Produktivkräfte und dem Repräsentationsbedürfnis der führenden Industriellen (in deren von ihnen subventionierten Nischen die Bedingungen einer relativen, künstlerischen Autonomie gediehen).

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde diesem Ideal die Grundlage entzogen.

Das Ideal der „Aufhebung der Kunst in Lebenspraxis“, wie es auch beim Bauhaus maßgeblich war, ist heute gerade bei interdisziplinären Ansätzen verbreitet und hat als Metapher auch die Managementliteratur erobert. Entbettet aus dem Kontext der Avantgarde hat das Ideal in unseren Tagen eine ambivalente Bedeutung: Flexibilisierte Lebensläufe, befristete Arbeitsverträge und lebenslanges Lernen lassen heute viele Menschen zu Lebenskünstlern wider Willen werden. Das Freiheits- und Autonomieideal der Kunst wird zur bitteren Pflicht.

Umso mehr bleibt in dem Ideal der Einheit von Kunst und Alltagsleben ein utopisches Moment aufgehoben, das stets aufs Neue den Impuls für praktische wie theoretische Experimente setzt, und sich weder mit der Trennung der Sphären (von Kunst und Alltag/Vernunft/Normalität/Beruf) noch mit ihrer trügerischen Vereinigung zufrieden gibt.

2. Ungleichzeitigkeiten: In Chemnitz fallen technisch-ökonomische und kulturelle Entwicklung auseinander

Die Einheit von Kunst und Alltags/Berufsleben scheint in Chemnitz oft nicht einmal in ihrer derzeitigen, trügerischen Form verwirklicht zu sein.

Jens Kassner beispielsweise charakterisierte die Stadt vor ein paar Jahren als „Schlaganfall-Patienten“ mit ausgefallener rechter Gehirnhälfte (nämlich der der künstlerischen Kreativität), in der die Gehirnhälfte der logisch-rationalen Kompetenzen das weitgehende Übergewicht erlangt hätte. Auch Clauss Dietels These eines geisterhaften Nachlebens technokratischer Strukturen, die in Chemnitz Schritte einer Erneuerung unterbänden, scheint ebenso aktuell wie die Feststellung einer Ungleichzeitigkeit von technisch-ökonomischem und kulturellem Fortschritt.

Dass sich dies möglicherweise immer weniger auf das Handeln der städtischen Verwaltung bezieht, wird daran ersichtlich, dass es in den letzten Jahren oft Stimmen aus der Bevölkerung waren, die Widerstand gegen Neues und Anderes leisteten. Die Diskussionen um Lärmbeschwerden und das fortwährende Scheitern der Etablierung eines Szeneviertels, wie exemplarisch im Falle des Clubs Atomino auf dem Brühl und des Kulturprojektes Kompott an der Leipziger Straße sichtbar wurde, verweisen auf ein oft verborgenes Verständnis, das von vielen Chemnitzern geteilt wird: Wohngebiete seien Orte der privaten Erholung und die Nacht zum Schlafen da. Auch wenn die Grundlage dieser fordistischen, arbeiterlichen Lebensführung – hier erscheinend als das Festhalten an der räumlichen und zeitlichen Trennung der Sphären von Arbeit und Freizeit bzw. Kunst und Alltag – längst abhanden gekommen ist. Diese Lebensform passt viel eher zur vergangenen Vollbeschäftigungsgesellschaft mit lebenslang garantiertem Arbeitsplatz und funktional getrennten, zentral organisierten Räumen des Alltagslebens: Produktion, Versorgung, Erholung, Kultur und Wohnen.

Eingedenk der harten Kämpfe, die dieser Trennung vorausgingen, verbirgt sich hinter dem Beharrungsvermögen der Anwohner jedoch nicht nur Rückschrittliches. Dass die Wohngebiete der Lohnabhängigen frei von industriellem Lärm und Schmutz wurden und der Arbeitstag nicht grenzenlos mehr ausgedehnt werden konnte, sondern es einen klar abgegrenzten „Feierabend“ gab, dafür kämpfte auch das historische Chemnitzer Proletariat des 19. und 20. Jahrhunderts. Von diesem Erbe ist lediglich der bewusstlose Widerstand gegenüber Veränderungen – wie der bedrohlich wirkenden, flexibilisierten Alltagspraxis der kreativen Pioniere – übrig geblieben, die in historischer Perspektive als Rückfall hinter einst erkämpfte Rechte erkennbar werden. Heute erweisen sich solche Einstellungen paradoxerweise als ein Modernisierungshindernis der Stadt: Im Standortwettbewerb mit anderen Städten erscheint jenes Beharrungsvermögen als Barriere gegen Experimente (auch ökonomische und technische) und eine offene, tolerante Alltagskultur.

Umso dringlicher wäre die Frage zu stellen, wie dieses ruhende, arbeiterliche Erbe wieder in Bewegung zu setzen wäre.

3. Die Chemnitzer Verwaltung transformiert sichpassive Revolution von oben bei schwacher Zivilgesellschaft

Oftmals fokussiert die Kritik an der vermeintlichen mentalen Blockade der Stadt auf Versäumnisse der Chemnitzer Stadtverwaltung. Hier soll jedoch ein anderer Blickwinkel versucht werden.
Nachdem sich verschiedene Apparate der Stadt bei der Verhinderung des Experimentellen Karrees an der Reitbahnstraße 2010 noch als konservativ erwiesen hatten, erfolgte bald darauf das Eingeständnis der Oberbürgermeisterin, dass das Wohn- und Kulturprojekt „am falschen Handeln der Stadt“ scheiterte. Dies waren nicht nur leere Worte: Unter OB Barbara Ludwig manifestierten sich erste Veränderungen der städtischen Position gerade gegenüber den experimentellen Alltagspraxen einer neuen kreativen Klasse. Neben der Ermöglichung der vereinfachten Anmeldung von spontanen Open-air-parties, fungierte die OB auch als Ansprechpartnerin des Wohn- und Kulturprojektes Kompott, für das sie u.a. Nachbarschaftskonflikte moderierte. Ebenso passte die betont lässige Haltung der Stadtverwaltung gegenüber eines nicht angemeldeten Spontankonzerts der Band Kraftklub auf dem Stadthallenkomplex in das neue Muster. Die Stadt präsentiert sich als offenes Gebilde, in dem Partizipation und Mitbestimmung integraler Bestandteil und Konflikte – in bestimmten Grenzen – explizit gewollt seien.

Dieser Sinneswandel geschieht jedoch nicht immer aufgrund eines zivilgesellschaftlichen Drucks „von unten“, wie dies andernorts der Fall ist, sondern vollzieht sich als passive Revolution von oben. Dieser Begriff des italienischen Politikers Antonio Gramsci verweist auf den Doppelcharakter dieser Fortschritte: Einerseits sind sie Zugeständnisse an die Bedürfnisse der „Subalternen“ – in diesem Falle die experimentellen Kreativen –, andererseits sind die eingeleiteten Veränderungen notwendige Erfordernisse einer sozialen und ökonomischen Modernisierung.

Dass viele „progressive“ Kulturveranstaltungen und -projekte auf die Aktivität der Verwaltung zurückgehen, bleibt ihnen häufig nicht äußerlich. So war das bald nach der Gründung drohende Scheitern des Vereins Stadthalten, der kreative Nach- und Zwischennutzungen ermöglichen soll, auch der personellen Nähe zu den Verwaltungsstrukturen geschuldet. Nicht zuletzt ist es jedoch das wahrgenommene Fehlen an „Frische“ und Authentizität, das den Unterschied zwischen „echten“ grassroots-Experimenten und der passiven (Verwaltungs)Revolution ausmacht. Die Stadtverwaltung befindet sich hier in einer Zwickmühle: Oftmals muss sie der vermeintlichen Minderheitenposition einer schwachen Zivilgesellschaft erst zum Durchbruch verhelfen (wenn denn das Ansinnen überhaupt integrierbar erscheint) und diese gegen den Widerstand einer Bevölkerungsmehrheit durchsetzen. Obwohl in Chemnitz bisher nur selten eingetreten, kann eine kritische Masse eine Eigendynamik bewirken, in der die Akteure mitbeeinflussen können, in welche Grenzen sie eingehegt werden.

4. Die Suche nach dem super-creative core

Seitdem der Ökonom Richard Florida mit seinem Werk The Rise of the Creative Class reüssierte, ist auch in Ostdeutschland die Suche nach der kreativen Klasse ausgebrochen. Die Zukunft westlich geprägter Städte – so Florida – liege in einer Wissensgesellschaft, die sich netzwerkartig dort organisiert, wo sie die geeignete Grundlage findet: eine interdisziplinäre Universität, eine ausreichende Anzahl (junger) Gleichgesinnter und eine wild-quirlig sprudelnde Stadtkultur. Auf die Anziehung jener Agenten der kreativen Klasse solle es Stadtpolitik in Zukunft ankommen, weshalb die kulturelle Atmosphäre eines Orts zum strategischer Faktor im Städtewettbewerb wird.

Die Öffnung der Verwaltungsstrukturen der letzten Jahre hin zu Experimenten, ergebnisoffenen Prozessen und der Überlassung von Verantwortung an informelle, selbstorganisierte Gruppenzusammenhänge ist ebenso unter diesem Blickwinkel zu betrachten. Gerade ostdeutsche Städte mit schrumpfender Bevölkerung und fehlender wirtschaftlicher Basis sind es, die ihre letzten Hoffnungen auf die Ankunft der kreativen Raumpioniere setzen.

5. Die interdisziplinär operierenden Raumpioniere greifen nach Chemnitz

Zu Beginn der 2000er Jahre – in den Neuen Bundesländern herrschte vielerorts Leerstand bei hoher Arbeitslosigkeit und einem stockenden Angleichungsprozess an die alten Bundesländer – entwickelte sich ein spezifisch ostdeutscher Diskurs über den Luxus der Leere, den Möglichkeiten des Lebens nach der Industriegesellschaft und um gesellschaftliche Experimente, die dadurch ermöglicht würden. So beschreibt der Publizist Wolfgang Kil „Zonen mit utopischem Potential“, die zum „unfreiwillige[n] Testgelände für eine Zukunft jenseits der herkömmlichen (Industrie-)Arbeit“ geworden sind und das außersystemische Experimentierfeld für „Scouts und Pioniere“ darstellen, die ihr Leben an Maßstäben jenseits von Markt und Wachstum ausrichten. Das „Labor Ostdeutschland“ sollte ein dezidiert interdisziplinäres sein, ausgerichtet auf den Prozess und mit offenem Ausgang.

Jenem Diskurs zu Folge seien gerade die Ostdeutschen mit ihren multiplen Brucherfahrungen (Zusammenbruch des Sozialismus und Arbeitsplatzverlust in der Nachwendezeit) und den in der DDR erworbenen Fähigkeiten zur Improvisation und des Arbeitens im Kollektiv prädestiniert für die neue Rolle als Avantgarde, die gleichermaßen in Westdeutschland längst überfällig geglaubte Reformprozesse in Gang bringen könnte.

Neben der Tatsache, dass diese Diskussion sich – freilich transformiert – in die Konzipierung der Arbeitsmarktreform Agenda 2010 einspeiste und sich dort in den Regularien flexibilisierter Arbeitsrechte und entgrenzter Zumutbarkeitsregeln niederschlug, ist die Hoffnung auf ein „Labor Ostdeutschland“ auch ansonsten nur bedingt befriedigt wurden. Vielmehr ist eine gewaltige räumliche Polarisation in Gang gekommen, bei der sich die Kreativen und Experimentierfreudigen lediglich in einer Handvoll ostdeutscher Orte – den sogenannten Schwarmstädten – „zusammenrotten“ (wie es Harald Simons formuliert), während der Großteil der Neuen Bundesländer weiterhin und vielleicht noch beschleunigt verödet. Die utopischen Vorstellungen der wilden Aneignung von Freiräumen durch Raumpioniere scheiterten zudem oft an profanen Eigentumstiteln und der erneuten Inwertsetzung von Immobilien. Trotzdem gelingt es punktuell immer wieder, die ostdeutsche Marktschwäche zur Raumaneignung zu nutzen. Das Potential, in den eroberten Räumen kollektive Experimente und Widerstandsstrategien zu erproben, ist noch längst nicht ausgeschöpft.

6. Warum die Zusammenführung von Künstlern und Ingenieuren (trotzdem) sinnvoll ist

Praxis, die auf Veränderung abzielt, findet ihr interessantes Betätigungsfeld in Chemnitz nicht zentral in der nachholenden Modernisierung und der Realisierung anderswo bereits erkämpfter  – und entzauberter – kultureller Überbauphänomene (wie sie weiter unten noch genannt werden). So notwendig sie für ein adäquates Leben auf der Höhe der derzeitigen gesellschaftlichen Möglichkeiten sind, so erweisen sie sich oft genug nur als unerkannt bleibende Anpassungen an die tektonischen Verschiebungen untergründig verlaufender, ökonomischer Prozesse.

Interessant kann es vielmehr sein, den Typus des ein wenig unzugänglichen und schematisch agierenden Ingenieurs Chemnitzer Façon – so das Stereotyp – mit experimentell und ergebnisoffen vorgehenden Künstlern temporär zusammenzubringen: Auf dass sich die Extreme finden mögen.

Eine Herausforderung ist dies nicht nur, weil darin die Vision der Avantgarde – Fusion der Gegensätze und Überführung in Lebenspraxis – sichtbar wird. Vielmehr kann gleichermaßen lokalen Bedingungen Raum gegeben werden, die gerade durch einen großen wissenschaftlich-technischen Komplex geprägt werden, dem augenscheinlich die Kopplung an künstlerisch-soziale Prozesse verloren gegangen ist (und andersherum). Damit soll hier nicht die Überhöhung örtlicher Eigenheiten und angeblicher Standortpotentiale gemeint sein, sondern die konkreten, materialen Bedingungen, die sich von denen anderswo unterscheiden und die bestimmte Prozesse ermöglichen bzw. verunmöglichen können.

Und es ist eine reizvolle Herausforderung, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten: Tatsächlich ist Chemnitz nicht das wilde „Labor Ostdeutschland“ geworden, in dem Innovationen in Fablabs und selbstorganisierten Offspaces ausgeheckt werden, sondern hat seinen schroffen Charakter des Unzeitgemäßen behalten. Hier kann sich mit Bedacht dem gewidmet werden, was am Wegesrand der Geschichte liegengeblieben ist.

Schluss

In Chemnitz gibt es mittlerweile vieles, von dem die einstigen Kritiker der ausbleibenden kulturellen Modernisierung der Stadt vor wenigen Jahren nur Träumen konnten: Fablabs, Coworking-Spaces, ein Repair-Cafè, Stadtteilgärten, selbstorganisierte Haus- und Kulturprojekte, zwei Lesecafés, vegetarische und vegane Restaurants, Bioläden, einen Verein Kreatives Chemnitz und sogar sogenannte Fuck-up-nights, bei denen gescheiterte Jungunternehmer von ihren fails berichten können. Im öffentlichen Raum sind Street art und gestrickte Ummantelungen von Bäumen und Ampelmasten (Guerilla Knitting) zu sehen, hier und da wurden sogar schon an den Schnürsenkeln zusammengebundene Schuhpaare über Straßenlaternen (Shoefiti) geworfen – was auch immer das alles bedeuten soll. Daneben wird mittlerweile ausgiebig Foodsharing betrieben, es gibt einen Fair-Teiler an der TU Chemnitz, das Containern wurde zu einem anerkannten Lebensstil und spontane Outdoor-Parties erfreuen sich großer Beliebtheit.

Die Lebensqualität ist dadurch in Chemnitz gestiegen und die Notwendigkeit des Umzugs in größere Städte hat sich abgeschwächt: Chemnitz wird allmählich zu einer „normalen“ westeuropäischen Mittelstadt mit moderner, wirtschaftlicher Basis und einer ihr angemessener (sub)kulturellen Infrastruktur. Im Vergleich zu vielen Städten im Ruhrgebiet oder ähnlichen Städten in Osteuropa strotzt Chemnitz gar vor Freiräumen und Anzeichen von Alternativkultur².

Doch die erkämpften Errungenschaften hinterlassen einen fahlen Nachgeschmack: Gestartet, um nicht weniger als der Einheit von Arbeit und Leben bzw. Kreativität und Alltag (und wie derlei Gegensatzpaare noch lauten können) näher zu kommen, wich die Euphorie der jeweiligen Anfangszeit stets einer relativen Enttäuschung oder – im Erfolgsfall – einer neuen Form von Alltäglichkeit.

Einerseits liegt das, wie oben beschrieben, an dem für Chemnitz und viele andere kleinere Städte spezifisch passiven Charakter jener Revolutionierung des städtischen sozialen Lebens. Die neuen, experimentellen Formen werden häufig in den Metropolen ausgebrütet und kommen verspätet in Chemnitz an, wo sie dann oft erst noch institutionell ermöglicht bzw. gefördert werden müssen. Ein Teil des lokalen Leidensdrucks rührt vom Gefühl des Zu-Spät-Kommens her, ebenso jedoch vom verordneten Charakter der Modernisierungen. So stellt sich die Frage, wie die Erfahrung der Entzauberung, die in den Metropolen bezüglich der einst herbeigesehnten kulturellen Freiheiten gemacht wurde, in einer Mittelstadt wie Chemnitz produktiv werden könnte – ohne dass damit ausgeschlossen wäre, dass es autonome Entwicklungspfade geben kann.

Doch die verfliegende Aneignungseuphorie hat noch weitergehende, nicht nur Fragen von Zentrum und Peripherie betreffende Gründe.

In den Überlegungen wurde ein Erklärungsversuch unternommen, der zeigen sollte, dass die oben genannten kulturellen Modernisierungsphänomene einerseits notwendig im Sinne einer Anpassungsleistung an die modernen, flexibilisierten (ökonomischen) Gesellschaftsbedingungen sind – in all ihren Ambivalenzen. In dem lokalen Leiden am Ausbleiben dieser Verhältnisse, das in Chemnitz Jahre andauerte, zeigte sich zudem, dass jene Modernisierungen notwendig sind für die Möglichkeit der individuellen Teilhabe an den Weltverhältnissen und mithin für das immer wichtiger werdende Lebensgefühl, am richtigen Ort zu sein (der Ort – the place to be). Ein Problembewusstsein vom Stand der gesellschaftlichen Situation, so die hier vertretene Behauptung, kann nur entstehen, wenn sich der aktuell potentiell vorhandene Formenschatz kultureller Phänomene voll entfalten kann.

Andererseits fallen die Modernisierungen, wie notwendig sie für das Bestehende auch sein mögen, nicht einfach vom Himmel, sondern müssen erst gegen Widerstand durchgesetzt werden: Von Pionieren, einer Zivilgesellschaft, waghalsigen Unternehmern und manchmal eben auch von städtischen Institutionen.

Dennoch verwirklicht sich dabei nicht die untergründige Utopie, der Einheit von Kunst und Leben, so wie sie bei der historischen Avantgarde oder – verzerrt – noch heute unter der Chiffre der Ganzheitlichkeit verborgen ist, sondern nur Andeutungen und erste Spurenelemente davon. Der Kreislauf des Ringens um kulturelle Modernisierung bzw. Emanzipation und die darauf folgende Erfahrung des Ungenügenden und unverwirklicht Gebliebenen (als Ausgangspunkt für einen neuen Versuch) scheint verewigt. Auf die Schliche kommt ihm, wer sich und sein Handeln in dem Muster selbst wiedererkennen kann.

Wer immer nur Kulturakteur ist und begriffslos enttäuscht wird, gibt sein Engagement irgendwann auf (oder formt es zu einem Beruf um) und wird sein ursprüngliches Ansinnen als Träumerei abtun. Die Kunst liegt darin, das Eine zu tun ohne das Andere sein zu lassen: Die Unmöglichkeit zu denken, ohne die Praxis aufzugeben.

²Was hier nur angedeutet werden kann: Diese auch für Chemnitz bemerkenswerte Erweiterungen des Alltagslebens – neben den genannten Phänomenen auch noch ein unüberschaubarer Sektor staatlicher und kommunaler Partizipationsmöglichkeiten, Empowerment für Marginalisierte, eingesetzte „Kümmerer“ etc. – kommen zum gleichen Zeitpunkt zur vollen Blüte wie die immer aggressiver ausgetragenen Konflikte um Geflüchtete, eine angeblich eingeschränkte Meinungsfreiheit, oder allgemeiner: um eine offene Gesellschaft. Was hier zunächst als Widerspruch erscheint, sollte als zentraler Bestandteil der Dialektik kulturellen Fortschritts betrachtet werden.

 


Dieser Aufsatz erschien anlässlich der Ausstellung „Moderne 2.0“ auf dem RAW – Festival der Industriekultur 2016 mit freundlicher Unterstützung der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH.

Dominik Intelmann, geboren in Karl-Marx-Stadt, lebt und arbeitet in Chemnitz und Leipzig. Er studierte Philosophie und Stadtforschung in Leipzig, Chemnitz und Frankfurt am Main. Besonderes Augenmerk schenkt er u.A. den Raumaneignungsstrategien urbaner sozialer Bewegungen und dem Verhältnis von Theorie und Praxis.

 

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