Zum Inhalt springen

Der Kopf als Kapital

Gastbeitrag von Jana Mischke

Es steht ein Kopf in unserer Stadt, der für die meisten eigentlich völlig inhaltsleer ist und maximal als Fotomotiv für Touristen taugt. Er prangt auf ein paar kleinen Marketingprodukten der Stadt und soll angeblich irgendwie vielleicht doch oder aber sicher was mit Chemnitz zu tun haben. Dasselbe Spiel mit der Bewerbung als Kulturhauptstadt. Man hört die Leute quasi abwinken: „Haben wir keine anderen Probleme?“

Wenn Ingenieure denken

Wir wollen uns bewerben? Gut. Denken wir mal scharf nach: Was macht Chemnitz aus? Engagierte Historiker und Liebhaber der Industriegeschichte werden etwas davon erzählen wie die Industrie „früher“ in Chemnitz blühte, dass dieses und dieses Gebäude „früher“ einmal eine wichtige Fabrikhalle oder Fabrikantenvilla war, dass Ingenieure und Technologie „früher“ aus Chemnitz eine wichtige Industriestadt gemacht haben. Aber genau solche Ingenieure gibt es doch heute noch.
Ein Ingenieur erkennt ein Problem und löst es mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, Werkzeugen und Methoden. Er denkt, er schaltet seinen Kopf ein und macht das Leben für irgendjemand anderen ein Stück besser. Chemnitzer sind stolz auf solche anpackende Bodenständigkeit: sie gehen auf Arbeit, halten die Dinge am Laufen und gönnen sich dann ab und zu was Schönes.

Fragen wir Marx, sagt er: das Sein bestimmt das Bewusstsein. Erst muss das Leben rundum abgesichert sein – wie ein Alltagsparadies, auf das man sich sorgenfrei verlassen kann, in dem jeder hat, was er braucht – dann ist Zeit, Lust und Muße für andere Dinge. Oder wie man so schön sagt: Kultur.

Toiletten für Europa

Es geht bei der Kulturhauptstadt nicht nur um ein Bühnenprogramm oder internationale Künstler. Es geht auch um Visionen für Europa, um Vorbildfunktionen für (…jaja…) nachhaltige Städte von morgen. Wo könnte man mehr bewegen als im täglichen Leben, in Abläufen, die alle betreffen? Spinnen wir mal ein bisschen: kostenloser oder ticketloser Nahverkehr, neue Radwege und Ladestationen, öffentliche Sportplätze, kostenloses Essen in Schulen und Kindergärten, oder gleich kostenlose Kindergärten, öffentliche Toiletten – japp, die Profanität kann nicht groß genug sein. Schauen Sie vor Ihre eigenen Füße und Sie finden ein Thema, das Sie bewegt. Wünsche und Visionen sind dazu da, utopisch zu sein. Realistisch denken und niedrigstapeln kann man später immer noch.
Warum nicht einen Wettbewerb starten wer am meisten Müll sparen kann? Warum nicht unser lupenreines Trinkwasser besser vermarkten, sodass fast keiner mehr Flaschen kauft. Warum nicht statt Flaschenringen an Abfalleimern lieber das Armutsproblem direkt angehen? Warum sich nicht ans Grundeinkommen trauen? Warum nicht Vorbild der Integration sein? Die polyglotten Streber der Nation?

Es gibt genug Probleme, derer man sich mit Kreativität und Ingenieursgeist annehmen kann, ohne dass die Chemnitzer das Gefühl haben, diese Kulturhauptstadtsache aufgedrückt zu bekommen. Wer sich nicht mit unserer Bewerbung identifiziert, wird auch nichts beitragen und wenn nicht alle an einem Strang ziehen, können wir es auch lassen. Das wäre legitim – wir müssten aber bitte bald zu diesem Schluss kommen, sonst wird es für alle eine peinliche, schmerzhafte, teure Aktion.

Köpfe

Köpfe sind unser Kapital*. Wir haben viele gute Leute mit vielen guten Ideen in der Stadt. Und vor allem haben wir auch Kultur im eng definierten Sinne: Theaterleute, Sportler, Musiker, Vereine aller Art, die das Leben in der Stadt bunt machen und vielleicht auch schon so mitreißende Vorschläge für das Programmjahr haben, dass man direkt anfangen möchte. Aber vor allem haben wir in der Stadt Otto Normalverbraucher, die sich fragen, was das alles soll mit der Kulturhauptstadt. Deshalb sollten wir miteinander reden, zuhören, Wünsche sammeln, uns aus kleinen Puzzleteilen ein Chemnitztopia ausdenken, das über den Titel „Kulturhauptstadt“ hinaus ein lebenswerter Ort ist. Wo der Alltag sich so sicher anfühlt, dass der Chemnitzer ruft: „Gebt mir neue Herausforderungen!“ Dann ist der Kopf frei für Kultur und mehr. Und dann könnte der Karl-Marx-Kopf nicht nur rumstehen, sondern für etwas stehen.

*Klugscheißeranmerkung: „Kapital“ kommt vom lateinischen „caput“, d.h. „Kopf“. Früher zählte man sein Vieh – also seinen Reichtum – anhand der Köpfe. Aus der begrifflichen Ähnlichkeit zur „European CAPITAL of Culture“ können ja dann die Marketingfachleute was machen 😉

Published inDiskussionsbeitrag

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.